Betriebs- und Finanzierungsmodelle dezentraler Bioenergieanlagen

Grundsätzlich werden im Bereich der Anlagenfinanzierung Unternehmens- und Projektfinanzierungen unterschieden, wobei hier auf die betriebsinternen Unter-nehmensfinanzierungen nicht näher eingegangen werden soll, da diese keinen weiteren Gestaltungsspielraum aus regionalwirtschaftlicher oder akteurspoliti-scher Sicht beinhalten. Hinsichtlich der Finanzierung steht hier die Unterneh-mensbonität im Vordergrund, während bei Projektfinanzierungen die Projektren-tabilität maßgebliches Finanzierungskriterium ist.

Beiden Finanzierungen haben aber auch gemeinsame Beurteilungskriterien aus Sicht aller Finanzierungsinstitute, dies sind im wesentlichen:

  • Betreiber-Know-How [handelnde Akteure]

  • Eigenkapital[geber]

  • gesicherte Stoffströme in Menge, Qualität und Preis [Rohstoffe, Nebenprodukte, Reststoffe]

  • gesicherte Energieabnahmen in Menge und Preis [Strom, Wärme, Kälte, Gas, Dampf etc.]

  • nachgewiesene Technologieerfahrung und -referenz des Anlagenbaus

wobei letzteres ein typisch deutsches Phänomen und Hindernis darstellt, da Pilot- und Demonstrationsvorhaben junger Technologieunternehmen mit innovativen Technologieentwicklungen insbesondere durch deutsche Banken regelmäßig nicht finanziert werden. Dies hat dazu geführt, dass sich der Finanzsektor zu einer doch relevanten Innovationshürde in der Bundesrepublik Deutschland entwickelt hat und Finanzierungen nur dann zustande kommen, wenn der öffentlich-recht-liche Sektor entsprechende Förderprogramme und/oder -kredite ergänzend bereitstellt. Daran ändern auch die vielfachen Verweise deutscher Banken auf Anzahl und Leistung der von ihnen finanzierten EE-Anlagen nichts, da diese gerade Innovationsfinanzierungen eben nicht einschließen.

Selbstverständlich gehören neben dem

  • detaillierten Investitions- und Finanzierungsplan und der

  • detaillierten dynamischen Liquiditäts- und Ertragsrechnung

  • ausführliche Projektbeschreibungen mit zugehörigen Vertragswerken zum Kern des Prüfungsgeschäfts der Finanzinstitute.

 

Allgemeine Betriebs- und Finanzierungsansprüche dezentraler Bioenergieanlagen seitens klassischer Finanzinstitute

Ressourceneffizienz, Energieeffizienz, Umweltnutzen wie die Treibhausgasbilanz etc. werden hier nicht betrachtet, es sein denn, dass durch öffentlich-rechtliche Finanzierungsinstitute und/oder Förderprogramme in Umsetzung politisch-nor-mativer Vorgaben solches verlangt wird.

Kommunale Stadtwerkslösungen und Privat-Public-Partnership

Die kommunalen Stadtwerke sind den etablierten Unternehmen im Bereich der Ver- und Entsorgung zuzurechnen, befinden sich jedoch zumeist noch in der traditionell gewachsenen „Vertikalen energiewirtschaftlichen Kooperationskette“ hinter den Verbund-EVU und der Regional-EVU als Letztverteiler [und häufig ohne eigene Erzeugungskapazitäten] an der Kunden.

Sie verfügen jedoch über erhebliche Potentiale bei der Entwicklung und Um-setzung regionaler Bioenergieprojekte im Kontext klarer Energie- und Klima-schutzkonzepte und können maßgeblicher Treiber einer solchen Entwicklung sein.  So haben inzwischen viele Stadtwerke die Erneuerbaren Energien, speziell auch die Bioenergie als ergänzendes Geschäftsfeld erschlossen [nennenswertes Beispiel etwa die Stadtwerke Aschaffenburg] oder setzen energiepolitische Be-schlüsse ihrer Kommunen systematisch um [100% Versorgung von München bis 2050 beispielsweise durch die Stadtwerke München].

In der Untersuchungsregion sind die Stadtwerke Zittau GmbH [Biomethananlage, Auf- und Ausbau von Satelliten-BHKW] auf sächsischer Seite oder die Stadtwerke Zatec [Biomasseheizkraftwerk und Ferwärmenetz] auf böhmischer Seite hier in der systematischen Erweiterung eigener biobasierter Erzeugungsanlagen regional sicher in besonderer Weise herauszuheben.

Die künftige Dialog- und Kooperationsfähigkeit der Stadtwerke in der Oberlausitz, aber auch in Nordböhmen, wird sicher maßgeblich darüber entscheiden, ob sie als Wettbewerber oder als Partner der vielen Wirtschaftsakteure aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien einem Zugewinn an eigenen Erzeugungskapazitäten oder einem sukzessiven Verlust von Kundenpotentialen an Dritte entgegensteuern

Gewerbliche Contractinglösungen

Am regionalen Energie- und Gasmarkt, hier in Direktversorgung der Endverbrau-cher, sind völlig neue Akteure in den Bereich der energiewirtschaftlichen Dienst-leister eingetreten – die Contracting-Gesellschaften.

Die Idee des Contracting/Intracting ist dabei einfach: Die Kosten für die Energie-dienstleistungen  werden durch die Energieerlöse oder die Energiesparmaßnah-men finanziert, die durch sie erreicht werden können.

Die Gruppe der gewerblichen Wärmeversorger/Wärmedienstleister hat unter den Contracting-Unternehmen in den letzten Jahren einen wesentlichen Wachstums-schub erfahren, aber auch Handwerksbetriebe, Anlagenbauer, Planer sowie vereinzelt auch Energieagenturen sind in diesem Markt inzwischen erfolgreich ak-tiv [siehe 19]. Biomasseheiz- und -heizkraftwerke sind hierunter die am meisten realisierten Versorgungsösungen bundesweit.

Bei aller Vielfalt der Gestaltungsformen zwischen den wenigen Beteiligten, dem  Contracting-Geber [Energiedienstleister] einerseits und dem Contracting-Nehmer [Energiekunde] andererseits, lassen sich diese in zwei Grundtypen charakteri-sieren:

  •  das Anlagen-Contracting - bei dem alle wesentlichen Dienstleistungen der Energieversorgung des Con-tracting-Nehmers durch den Contracting-Geber übernommen werden [hier entsteht vertragsrechtlich ein Kaufvertrag über Energie]

  • das Energieeinspar-Contracting -bei denen die durch Maßnahmen zur Energieeinsparung beim Contracting-Nehmer dessen reduzierte Energiekosten zur Refinanzierung der Maßnah-men des Contracting-Gebers eingesetzt werden [hier entsteht Kaufrecht für die Lieferverpflichtungen aber im Bereich der energetischen Sanie-rungsmaßnahmen auch Leistungen besonderer Art, die keinem Standard-fall zuzurechnen sind]

  • das sogenannte Integrale Energie-Contracting verbindet beide und ergänzt diese noch um weitere Facility-Management-Aufgaben der Gebäudewirtschaft.

Im Segment dezentraler Bioenergielösungen kommt im engeren Sinne nur das Anlagencontracting zum Einsatz, während das Energieeinspar-Conracting im Sinne vorgelagerter Energieeffizienzmaßnhamen ergänzend Anwendung finden sollte, häufig aber andere Akteure hat.

Finanzierungstechnisch kann es sich dabei sowohl um Unternehmens-, wie um Projektfinanzierungen handeln, abhängig davon, ob es sich um Erwei-terungsinvestitionen eines am Markt bereits etablierten Contracting-Unterneh-mens oder um die an das konkrete Investitionsvorhaben gebundene Neustruk-turierung eines Contractors handelt. z.B. Stadtwerke können hierbei mit ihrem Know-How maßgeblich zum Nutzen aller an der Pro-jektentwicklung, der Finanzierung und Anlagenrealisierung sowie dem laufenden Geschäftsbetriebs Beteiligten beitragen und partizipieren.

Sonderfall Intracting

Hier wird das Contracting-Prinzip nicht durch externe Dritte, sondern in Eigen-regie des Endverbrauchers - der Kommune, des Krankenhauses, des städtischen Bäderbetriebs, des Gymnasiums etc. - umgesetzt. Eine Pionierrolle nahm hier bereits 1995 das nach dem Initiator benannte ´Stuttgarter Modell´ ein und zeig-te, wie durch Bildung eines Energiesparfonds in der Kommune die Energiespar-maßnahmen finanzierbar wurden.

In den letzten Jahren haben sich in der Bundesrepublik vielfältige Mischformen von Contracting-/Intracting-Lösungen etablieren und bewähren können.

Genossenschaftliche Lösungen und neue Regionalwerke

Während die Genossenschaften vor vielen Jahrzehnten die ersten und defacto einzigen waren, die den Strom von der Stadt aufs Land gebracht haben, kehrt sich dies hundert Jahre später zunehmend um: werden genossenschaftliche Initiativen zunehmend derjenige Initiator und Akteur, die Energie aus der ländlichen Regionen in die städtischen Agglomerationen zu bringen [ Dr. Andreas Eisen, Genossenschaftsverband e.V, im Vortrag „Neue Geschäftsfelder für Energiegenossenschaften“., Konferenz „Regionale Energieversorgung gestal-ten“, Wörrstadt, 26.10.2011].

In vielen europäischen Regionen, insbesondere aber auch in der Bundesrepublik Deutschland erleben wir seit einigen Jahren eine Renaissance von genossenschaftlichen Zusammenschlüssen, die neben den klassischen Zwecken der Einkaufs- und Liefergemeinschaften zunehmend im Segment Erneuerbare Energien errichtet werden. Sie haben den Vorteil:

  • dass die regionalen Akteure diese selbstbestimmt und unabhängig auf der Grundlage einer Kooperation unter Gleichberechtigten in einer demokratischen Wirtschaftsform errichten können,

  • dass es die im deutschsprachigen Wirtschaftsraum nachhaltigste [und insolvenzfesteste] Wirtschaftsform ist, an der sich auch Kommunen bzw. deren Tochterunternehmungen [ Stadtwerke eingeschlossen] konsistent zum Haushaltsrecht beteiligen können [ ggfalls mit Sonderstatus],

  • dass durch wirtschaftliche Beteiligung der Bürger [ Betroffenen] eine hohe Akzeptanz für Planung, Errichtung und Betrieb Erneuerbarer-Energie-Anlagen erreichbar ist,

  • dass in dieser Kooperationsform eine Beteiligung der Akteure einfach und flexibel ist und ihr Zusammenwirken die Realisierung gemeinsam Ideen ermöglicht.

Regionale Energiegenossenschaften sind derzeit das Gestaltungselement der Energiewende zugunsten Erneuerbarer Energien. Sie sind dies v.a. als Beteili-gungsmodell zur Mitgestaltung als Anlagemodell für Privatinvestoren zu sein. Den meisten Energiegenossenschaten ist der schrittweise Erfolg der Energie-wende wichtiger als eine besonders hohe Kapitalrendite. Das gilt auch dann, wenn selbstverständlich auch die Genossenschaft ein Wirtschaftsunternehmen mit einer Ertragsverpflichtung ist.

Gegenwärtig existieren in der Oberlausitz

  • eine von der Volksbank Zittau initiierte und derzeit auf den Betrieb von Photovoltaikanlagen begrenzte Bürger-Energiegenossenschaft
    [ www.buerger-energie-zittau-goerlitz.de],

  • eine von der unabhängigen ENFO AG getragene und vom Mitteldeutschen Genossenschaftsverband MGV unterstützte Gründungsinitiative für voraus-sichtlich drei regionale und auf den ländlichen Raum gestützte Energiege-nossenschaften: für die Neisseregion  mit Sitz in Ostritz[ Landkreis Görlitz], die Elsterregion mit Sitz in Nebelschütz [ Landkreis Bautzen] und die Elblandregion mit Sitz in Radebeul, die sich nur auf Erneuerbare Energien stützen, jedoch keine Einschränkung auf Photovoltaik kennen.

Letztere befassen sich, soweit kommunale Kooperationen und Projektpartner-schaften vorliegen, auch mit der Planung, Errichtung und dem anschließenden Betrieb dezentraler Bioenergieanlagen in der Oberlausitz. Vergleichbare Initiativen konnten für Nordböhmen im Rahmen dieser Studie nicht festgestellt werden. Da die europäische Union zwischenzeitlich für alle Unternehmensformen auch die Europäische Gesellschaft geregelt hat, wären auch international/ interkommunal getragene Unternehmen in der Rechtsform der Europäischen Genossenschaft ein denkbares, wenngleich völlig neues Gestaltungselement einer grenzüberschreitenden Wirtschaftsregion.

Einen praktikablen und finanzierbaren Modellansatz für die Gestaltung regionaler Energiegenossenschaften soll die nachfolgende Graphik veranschaulichen:

Genossenschaftliches Betreibermodell

Prognostisch sollte auch jede Energiegenossenschaft den Wettbewerb am momentan noch fossil geprägten Energiemarkt berücksichtigen und den Direktvetrieb bzw. -handel mit dem Endverbraucher konzeptionell und betriebswirtschaftlich bedenken. Letztlich können einzig Energiegenossenschaften die Erzeuger- und Verbraucherseite wirtschaftlich verbinden und zum gegenseitigen Vorteil entwickeln.